Sie sind hier:

Publikationen aus dem Bereich Tagesgeld

Interview zum Thema Bankenunion

Mit der Europäischen Bankenunion will die EU dafür sorgen, dass Banken das Finanzsystem in Zukunft nicht mehr ins Wanken bringen können. Ein Mammutprojekt, das schon bald Realität werden soll. Prof. Dr. Jürgen Kurt Bott, Professor für Finanzdienstleistungen an der Fachhochschule Kaiserslautern, spricht im Interview über die Maßnahmen und Ziele der Bankenunion sowie deren Umsetzung. Zudem gibt der Experte Sparern Tipps zur Bankenwahl und zur sicheren Anlage ihrer Ersparnisse. | fre

CHECK24: Wann kommt die Bankenunion und was sind ihre Ziele?

Prof. Dr. Jürgen Kurt Bott: Wesentlich Teile des Rechtsrahmens für ein Maßnahmenbündel stehen seit Ende 2013. Weitere wichtige Details werden vermutlich noch vor der Europawahl geklärt und müssen dann in die Tat umgesetzt werden. Nach gegenwärtigem Diskussionstand soll die EZB im November 2014 die Aufsicht für systemrelevante Banken übernehmen, Im Januar 2015 sollen unter anderem die Krisenmanagementrichtlinien und der Aufbau nationaler Abwicklungsfonds nach einheitlichen Standards abgeschlossen sein. Der Bail-in-Mechanismus soll ab Januar 2016 gelten.

Die Bankenunion soll zum einen systemrelevante Banken und Banken mit risikoaffinen Geschäftsmodellen, die zur Finanzkrise beigetragen haben, in Zukunft strenger regulieren. Zudem gilt es, das „too-big-to-fail“-Problem zu lösen: Politiker sollen in Zukunft nicht mehr vor dem Problem stehen, dass sie Banken aufgrund zu starker wirtschaftlicher Verflechtungen nicht in Insolvenz gehen lassen können.

Wie soll dieses Maßnahmenbündel umgesetzt werden?

Im Rahmen der einheitlichen Europäischen Bankenaufsicht (Single Supervisory Mechanism; SSM) soll die Europäische Zentralbank (EZB) bis November 2014 Bilanzprüfungen und Stresstests bei Banken durchführen, die als systemrelevant eingestuft wurden. Anschließend soll die EZB diese Institute regelmäßig beaufsichtigen. Die verbliebenen, über 6000 weiteren Banken werden auch zukünftig durch nationale Aufsichtsbehörden überwacht. Die EZB hat allerdings die Aufgabe, Rahmenvorgaben für die Überwachung zu formulieren. Jedoch ist das notwendige Personal noch nicht vollständig rekrutiert, was die Zentralbank vor die organisatorische Herausforderung stellt, gute Qualität mit begrenzten Ressourcen in kurzer Zeit zu liefern.

Über einen einheitlichen Abwicklungsmechanismus (Single Resolution Mechanism; SRM) soll eine Sanierung oder geordnete Abwicklung notleidender Institute sichergestellt werden. Die rechtliche Grundlage hierfür könnten die Krisenmanagementrichtlinie (Bank Recovery and Resolution Directive; BRRD), die ab Januar 2015 in Kraft treten soll, sowie die SRM-Verordnung sein, die noch vor den Europawahlen im Mai 2014 verabschiedet werden müsste und dann ebenfalls im Januar 2015 in Kraft treten könnte.

Ab 2015 sollen Banken auf Grundlage einheitlicher Standards (Deposit Guarantee Schemes; DGS) in nationale Abwicklungsfonds über voraussichtlich zehn Jahre einzahlen. Insgesamt sollen so nach gegenwärtigem Diskussionsstand 55 Milliarden Euro von den Banken aufgebracht werden. Schrittweise sollen die nationalen Fonds in einen europäischen Bankenabwicklungsfonds überführt werden. Ab Januar 2016 soll der sog. „Bail-in-Mechanismus“ gelten, der eine Haftungskaskade vorsieht.

Wer genau muss haften und in welchem Maße?

In der ersten Stufe sollen Anteilseigner Geld nachschießen. In der zweiten Stufe werden Gläubiger der Banken, die z. B. Bankenanleihen halten, aufgefordert, entweder auf Forderungsrückzahlungen zu verzichten oder sich direkt an der Bank zu beteiligen (also z. B. die Anleihen in Aktien umzuwandeln). In der dritten Stufe werden die Einlagengelder der Bankkunden herangezogen. Bankkunden sollen verpflichtet werden, einen Teil ihrer Guthaben oberhalb von 100.000 Euro ebenfalls zur Bankenrettung einzubringen (z. B. durch Aktienerwerb). Der Gesamtbeitrag, den Aktionäre, Gläubiger und Großkunden erbringen, soll zunächst auf acht Prozent der Bankenverbindlichkeiten begrenzt werden.

In der vierten Stufe soll der Abwicklungsfonds der Banken greifen. Soweit noch keine Zusammenführung auf europäischer Ebene erfolgt ist, wird – nach aktuellem Diskussionsstand – zunächst nur der nationale Abwicklungsfond einspringen. In der fünften Stufe sollen weiterhin die betroffenen Staaten einspringen (durch Steuermittel bzw. zunächst durch zusätzliche Kreditaufnahme). Sollten die Staaten den verbliebenen Bedarf für die Bankenrettung nicht alleine aufbringen können, soll die Möglichkeit bestehen, Mittel des European Stability Mechanism (ESM) zu erhalten.

Was empfehlen Sie Sparern, die größere Summen (> 100.000 Euro) anlegen möchten?

Wer kein Vertrauen in die ausreichende Solvabilität seiner Bank hat und sich ernsthaft mit der Gefahr konfrontiert sieht, dass nur die gesetzliche Einlagensicherung sein Vermögen schützt, sollte sich zunächst in der Familie umsehen. Es gibt durchaus interessante steuerliche Freibeträge, die einen Vermögenstransfer innerhalb des engsten Familienkreises ermöglichen, um das Vermögen auf mehrere Personen aufzuteilen.

Wer weder seinen Familienangehörigen noch seiner Bank ausreichendes Vertrauen schenken kann, sollte über die Verteilung seiner Bankeinlagen auf mehrere Institute nachdenken. Unter diesem Gesichtspunkt wäre es sinnvoll, die Einlagen auf Institute zu verteilen, die unterschiedlichen Einlagensicherungseinrichtungen angehören. Darüber hinaus könnte an eine Verteilung auf Banken in verschiedenen Ländern nachgedacht werden.

Bevor der Einlagekunde allerdings anfängt, seine Bankeinlagen auf verschiedene Währungen zu verteilen, sollte er kritisch die Wechselkursrisiken abwägen. Auch gilt es generell, die Verhältnismäßigkeit zu wahren. Panik ist kein guter Ratgeber.

Worauf sollten sicherheitsorientierte Anleger bei der Bankenwahl generell achten?

Versuchen Sie zu beurteilen, wie solide Ihre Bank wirtschaftet. Nicht nur die Zugehörigkeit zu bestimmten Einlagensicherungseinrichtungen oder Institutssicherungssystemen, sondern auch die im Aktivgeschäft von den Banken eingegangenen Risiken sind entscheidend für die Sicherheit der Bankeinlagen. Ein hohes Risiko geht von den Bankvorständen aus. Bleiben diese Leute auf dem Boden, wird grundsätzlich auch ihr Geschäft solide sein. Gesunder Menschenverstand hilft und reicht in der Regel aus.

Hinweis: Trotz gewissenhafter Recherche kann die Richtigkeit und Aktualität der Angaben nicht garantiert werden.