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CHECK24-Rückblick aufs Finanzjahr 2016 (6/6) Bewegende Zeiten fürs Girokonto

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An keinem anderen Produkt zeigt sich der Wandel des Bankensektors so deutlich wie am Girokonto. Viele Entwicklungen der letzten Monate spiegeln sich direkt in dem Basisprodukt wider und betreffen damit auch die meisten Verbraucher. 
Jahresrückblick Finanzen - Bild: Sabrina Fraas

Für viele Inhaber von Girokonten brachte 2016 vor allem Gebühren mit sich. Bild: CHECK24/Sabrina Fraas

Wieder einmal neigt sich ein Jahr dem Ende entgegen. Für Verbraucher war 2016 ein bewegendes Jahr mit einigen Überraschungen – gerade für Girokontoinhaber. Viele Entwicklungen, welche die vergangenen Monate mit sich brachten, waren 2015 noch gar nicht abzusehen – einige andere dagegen schon. So etwa die Umstellung auf IBAN (International Bank Account Number) bei Überweisungen. Seit dem 1. Februar dieses Jahres ist die Angabe der 22 stelligen IBAN bei Überweisungen und Lastschriftverfahren auch für private Personen verpflichtend. Diese soll den Zahlungsverkehr im SEPA-Raum (Single Europe Payments Area) vereinheitlichen. Für die meisten Verbraucher bedeutet das seither allerdings, dass sie bei jeder Transaktion aufs Neue nachschauen müssen, wie ihre IBAN lautet. Doch das ist nicht das Einzige, an das sich die Inhaber von Girokonten in diesem Jahr gewöhnen mussten.

Ein Girokonto für jedermann

Zunächst einmal eine gute Nachricht für all diejenigen, für die es bislang nicht möglich war, ein Girokonto zu eröffnen. Am 25. Februar verabschiedete der Bundestag das Zahlungskontengesetz, das Verbrauchern ungeachtet derer Kreditwürdigkeit ermöglichen soll, ein Girokonto zu eröffnen. Damit soll vor allem Personen ohne festen Wohnsitz, Verschuldeten, Asylsuchenden und Hartz-IV-Empfängern die Teilnahme am Wirtschaftsleben erleichtert werden.  Seit dem 1. Juni ist das Gesetz in Kraft. Damit folgt die Bundesregierung einer EU-Richtlinie über den Wechsel und den Zugang von Zahlungskonten. Mit dieser Verordnung werden Banken quasi gesetzlich dazu verpflichtet, jedem Interessenten ein Girokonto zu ermöglichen. Allerdings schreibt das Gesetz den Banken nicht vor, dafür keine Gebühren zu verlangen. Während viele Direktbanken dieses sogenannte Basiskonto kostenlos zur Verfügung stellen, erheben einige Filialbanken mitunter hohe Kontoführungsgebühren und Entgelte für Überweisungen. Der Bundesverband der Verbraucherzentralen sieht bei vielen Banken noch Nachbesserungsbedarf und mahnt an, dass die Preisgestaltungspraxis oft nicht mit den gesetzlichen Regelungen zum Basiskonto vereinbar ist.

Konto wechsle dich

Ein Aspekt des neuen Zahlungskontengesetzes ist auch, dass es die Banken zur Kontowechselhilfe verpflichtet. Seit dem 18. September müssen sowohl das bisherige als auch das neue Kreditinstitut eines Wechselwilligen zusammenarbeiten, um ihm den Kontoumzug reibungslos zu ermöglichen. Dazu muss die alte der neuen Bank alle Informationen bezüglich Daueraufträgen und Lastschriften des Kunden mitteilen. Das neue Kreditinstitut muss diese dann binnen fünf Werktagen einrichten und alle Zahlungspartner des Kunden über das neue Konto informieren. Insgesamt schreibt das Gesetz vor, dass der Umzug nur zwölf Tage dauern darf. Für diese Unterstützung dürfen die Geldhäuser ihre Kunden auch zur Kasse bitten.
 
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Das Jahr der Kontogebühren

Einen Grund, das Konto zu wechseln, dürfte es dieses Jahr für viele Kontoinhaber gegeben haben. Denn aufgrund einer anhaltenden Niedrigzinsphase brechen den Banken die Erträge aus dem Kreditgeschäft weg – Grund genug, um an anderer Stelle an der Gebührenschraube zu drehen. Und so durften sich Verbraucher 2016 zwar über niedrige Kreditzinsen freuen, mussten zugleich aber zusehen, wie das Girokonto bei vielen Banken teurer wurde. Die Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) hat ausgerechnet, dass ein Girokonto die Banken im Jahr rund 120 Euro kostet. Die Einnahmen aus Zahlungsverkehr und Geldverleih blieben dahinter zurück. Mit bis zu minus 30 Euro pro Jahr und pro Kunde wird das Girokonto so zum Verlustgeschäft. Die Unternehmensberatung berechnete ebenfalls, dass durch konsequentere Preise für Bankleistungen, etwa Gebühren für Girokonten, die Banken zwischen dreieinhalb und fünf Milliarden Euro einnehmen könnten. So kündigte der Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes (DSGV) Georg Fahrenschon bereits im Frühjahr auf der Bilanzpressekonferenz der Sparkassen an, dass die Zeit der kostenlosen Girokonten vorbei sei.

Aus diesem Grund führten in diesem Jahr mehrere Banken Gebühren für Girokonten ein, die zuvor noch gebührenfrei waren, oder hoben bereits bestehende Gebühren an. So hat die Postbank im November ein neues Konten- und Preismodell eingeführt. Zuvor war für Postbank-Kunden das „Giro Plus“ bei einem monatlichen Gehaltseingang von mindestens 1.000 Euro kostenlos. Jetzt veranschlagt die Bank eine Gebühr von 3,90 Euro monatlich, unabhängig vom Geldeingang. Zusätzlich führte die Postbank das Online-Konto „Giro direkt“ ein, für das Nutzer eine monatliche Gebühr in Höhe von 1,90 entrichten müssen. Kostenlos bleiben nur das „Giro Start direkt“  für Kunden unter 22 Jahren und das „Giro extra plus“ ab einem Geldeingang von 3.000 Euro monatlich. Auch die Hamburger Sparkasse hob die Gebühren für das „Girokonto Klassisch“ an. Dafür fällt nun eine monatliche Gebühr von 3,95 Euro statt 2,95 Euro an. Kontoinhaber kommen somit im Jahr auf Kosten von 47,40 Euro. Bereits im Juli hat auch die HypoVereinsbank das kostenlose Girokonto abgeschafft. Ein kostenloses Konto erhalten dort nur noch Schüler, Azubis und Studenten unter 26 Jahren. Für alle anderen Kunden fällt mindestens eine monatliche Gebühr von 2,90 Euro an. Die Raiffeisenbank Gmund am Tegernsee geht noch einen Schritt weiter. Hier verlangt das Kreditinstitut von seinen Kunden mit Giro- oder Tagesgeldkonto zusätzlich zur Kontoführungsgebühr von mindestens 3,50 Euro monatlich sogar einen Strafzins von 0,4 Prozent für Guthaben von mehr als 100.000 Euro. Kostenlose Girokonten werden weniger, verschwinden aber nicht ganz. Vor allem bei Direktbanken sind diese Konten noch erhältlich.

Viele Girokonto-Leistungen nicht mehr kostenfrei

Einige Banken gehen noch einen Schritt weiter und erhöhen nicht nur die Kontoführungsgebühren, sondern führen auch neue Entgelte rund ums Girokonto ein. Bislang konnten sich Sparkassen-Kunden darauf verlassen, dass Geldabhebungen mit der BankCard an Geldautomaten der Sparkassen bundesweit kostenlos waren. Für Kontoinhaber des vergleichsweise günstigen „Giro Individual“ der Berliner Sparkasse gilt das seit Anfang Dezember nicht mehr. Sie zahlen für jede Bargeldabhebung am Automaten 0,30 Euro. Auch Online-Überweisungen schlagen bei diesem Konto mit 0,30 Euro zu Buche. Bei der Hamburger Sparkasse fällt seit November beim „Girokonto klassisch“ ebenfalls pro Online-Überweisung ein Entgelt von 0,05 Euro an. Bereits zum Jahresbeginn hat die Kasseler Sparkasse ihre Kontomodelle umgestellt und dabei nicht nur die Kontogebühren angehoben. Bei der Variante „Giroklassik“ belaufen sich die monatlichen Fixkosten auf 2,90 Euro, ab der sechsten Bargeldabhebung am Automaten kostet jede weitere 0,40 Euro – dasselbe gilt für jede Online-Überweisung und jede Kontogutschrift.

App statt Filiale

Kontoführungsgebühren und Strafzinsen für Girokonten, die ohnehin in der Regel keine Verzinsung bieten, zeigen eine der bemerkenswertesten Entwicklungen dieses Jahres auf: In Deutschland geht ein Ruck durch das Privatkundengeschäft. Die anhaltende Niedrigzinsphase zwingt die Banken dazu, sich umzustrukturieren. Gleichzeitig werden die klassischen Geldhäuser von einer neuen Konkurrenz unter Druck gesetzt: Sogenannte Fintechs buhlen mit günstigen Online-Banking-Angeboten um die Gunst der Kunden. Bereits seit Sommer letzten Jahres bietet das Berliner Start-Up N26 eine Girokonten-App an. Mittlerweile können Kunden dort auch einen Dispokredit nutzen. Für klassische Geldhäuser dagegen wird ein dichtes Filialnetz kostspieliger, da immer weniger Kunden den Weg in die Filiale auf sich nehmen. Denn Immer mehr Verbraucher tätigen ihre Bankgeschäfte online. Laut einer Studie der Postbank erledigen die Deutschen bereits 60 Prozent ihrer Bankgeschäfte im Internet. Und der Digitalverband Bitkom hat in einer Umfrage ermittelt, dass jeder Dritte mit dem Smartphone auf sein Konto zugreift. Daher erweitern die etablierten Banken ihr Online-Angebot und versuchen einerseits mit digitalen Services Kunden zu binden und andererseits Kosten zu senken. Einige Großsparkassen, darunter die Sparkassen Köln, Berlin, Hamburg und München, haben Anfang Mai angekündigt, eine Girokonto-App namens Yomo anzubieten. Diese soll sich vor allem an junge Nutzer bis 35 Jahre richten, mit einer Geldkarte erhältlich sein und eine Alternative zu bestehenden Smartphone-Girokonten wie N26 werden. Derzeit befindet sich Yomo noch in der Test- und Entwicklungsphase. Vor 2017 wird die App nicht erhältlich sein.

Die Zukunft des Girokontos

Die Yomo-App gibt bereits einen Ausblick auf das Jahr 2017. Der Trend hin zu einer fortschreitenden Digitalisierung und dem Ausbau mobiler Angebote wird im nächsten Jahr eines der zentralen Themen darstellen. Darüber hinaus wird es spannend sein zu beobachten, ob es die großen Filialbanken schaffen, ihre Geschäftsfelder umzustrukturieren und so den Zangengriff aus digitalen Fintech-Dienstleistungen und Niedrigzinsen ein Stück weit zu lockern. Wie werden sich Erfolg oder Misserfolg für die Inhaber von Girokonten auswirken? Werden die Banken kreativ und finden sie weitere Möglichkeiten, Gebühren zu erheben? Nach Angaben von Stiftung Warentest planen zahlreiche Banken, im nächsten Jahr die Gebühren anzuheben. Genauso gut ist es aber auch möglich, dass die Verbraucher im nächsten Jahr aus einer ganzen Bandbreite aus Smartphone-Direktbanken wählen können. Klar ist nur: Die in diesem Jahr beobachteten Bewegungen auf dem Markt der Girokonten sind nur der Anfang.

CHECK24-Rückblick aufs Finanzjahr 2016: Weitere Artikel der Serie

In unserer Serie „CHECK24-Rückblick aufs Finanzjahr 2016“ führen wir die wichtigsten Entwicklungen des Jahres zusammen. Die anderen Teile der Serie beleuchten die Trends rund um das Thema Baufinanzierungen, zeigen die Neuigkeiten des Jahres bei den Kreditkarten, bilden die Entwicklungen zum Thema Tagesgeld ab und präsentieren die Geschehnisse rund um das Thema Kredit.
 

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