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Pflege-Report 2017: Demenzkranke erhalten zu viele Psychopharmaka im Heim

München, 5.4.2017 | 16:59 | are

An die rund 800.000 Pflegeheimbewohner in Deutschland werden zu viele Psychopharmaka verteilt. Vor allem Demenzkranke sind betroffen. Das geht aus dem aktuellen Pflege-Report der AOK hervor.

Krankenschwester gibt Seniorin MedikamenteDie Bewohner deutscher Pflegeheime erhalten zu viele Medikamente, die auf die Psyche einwirken.
Demnach erhält knapp jeder dritte Heimbewohner ein Antidepressivum. Dabei gibt es kaum Unterschiede zwischen Bewohnern mit und ohne Demenz. Allerdings bekommen 40 Prozent der rund 500.000 Demenzkranken auch Neuroleptika –  bei den nicht-demenzkranken Pflegebedürftigen sind es nur 20 Prozent.

Neuroleptika werden zur Behandlung von krankhaften Wahnvorstellungen entwickelt. Nur wenige Wirkstoffe sind laut Experten allerdings zur Behandlung von Wahnvorstellungen bei Demenz zugelassen, und dann auch nur für eine kurze Therapiedauer. „Der breite und dauerhafte Neuroleptika-Einsatz bei Pflegeheimbewohnern mit Demenz verstößt gegen die Leitlinien“, sagte die Klinische Pharmakologin Petra Thürmann, deren Ergebnisse im Pflege-Report enthalten sind.


Mehr als die Hälfte bekommen Psychopharmaka

Im Rahmen des Pflege-Reports hat das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO) 2.500 Pflegekräfte über Medikamentenverordnungen in Pflegeheimen befragt. Die Mitarbeiter gaben an, dass durchschnittlich mehr als die Hälfte der Bewohner Psychopharmaka erhalten würden. Zwei Drittel der Betroffenen würden die Medikamente auch länger als ein Jahr bekommen.
 
82 Prozent der Befragten halten diesen Umfang für angemessen. Laut WIdO müssten daher das Problembewusstsein der Pflegekräfte gestärkt und nicht-medikamentöse Ansätze im Arbeitsalltag besser etabliert werden.

Der bewusste und kritische Umgang mit Psychopharmaka sei eine Teamaufgabe von Ärzten, Pflegeheimbetreibern, Pflegekräften und Apothekern, die Pflegeheime betreuen, sagte der Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes Martin Litsch. 

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