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TK-Chef im Interview: Krankenkassen manipulieren Diagnosen

München, 10.10.2016 | 11:33 | mst

Die gesetzlichen Krankenkassen schummeln bei der Diagnose von Patienten. Sie halten Ärzte dazu an, schwerwiegendere Diagnosen zu erstellen, um selbst mehr Geld zu bekommen. Das hat der Chef der Techniker Krankenkasse jetzt öffentlich eingeräumt.
 

Patient und Arzt bei CAT-ScanJe nach Schwere einer Erkrankung erhalten die Krankenkassen Geld aus dem Risikostrukturausgleich.
In einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung sagte der Vorstandsvorsitzende der Techniker Krankenkasse (TK), Jens Baas, die Kassen würden bei der Abrechnung von Leistungen manipulieren.
 
„Es ist ein Wettbewerb zwischen den Kassen darüber entstanden, wer es schafft, die Ärzte dazu zu bringen, für die Patienten möglichst viele Diagnosen zu dokumentieren“, sagte Baas. Das bringe den gesetzlichen Krankenkassen mehr Geld aus dem Risikostrukturausgleich, der die Risiken zwischen den Kassen ausgleichen soll. So werde etwa aus einem leichten Bluthochdruck ein schwerer oder aus einer depressiven Stimmung eine echte Depression. Pro Fall könne das bis zu 1.000 Euro im Jahr ausmachen.
 

Krankenkassen bitten Ärzte um schwerwiegendere Diagnosen

Die Krankenkassen würden dazu die Ärzte kontaktieren. Es gibt laut Baas sogar Verträge mit Ärztevereinigungen, die mehr und schwerwiegendere Diagnosen zum Ziel hätten. Die Krankenkassen hätten dafür seit 2014 eine Milliarde Euro ausgegeben. Das Geld würde für die eigentliche Behandlung der Patienten fehlen.
 
Auch die Techniker Krankenkasse würde solche Manipulationen durchführen, räumte Baas ein. Der TK-Chef forderte, den Risikostrukturausgleich zwischen den einzelnen Krankenkassen zu reformieren.
 

Streit um Risikostrukturausgleich

Die Ersatz-, Betriebs- und Innungskrankenkassen wollen den Risikostrukturausgleich schon seit längerer Zeit ändern. Nach ihrer Ansicht erhalten die Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK) nach den aktuellen Regelungen zu viel Geld.
 
Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, sagte, diese Manipulationen könnten den Tatbestand des Betrugs erfüllen. Dann müsste man von organisiertem Betrug sprechen.

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