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"Verschärfte Eigenkapitalvorschriften sind eine Wachstumsbremse"

Die Europäische Zentralbank hat im Juni 2014 ihren Leitzins auf das Rekordtief von 0,15 Prozent* herabgesetzt. Auf diese Weise will die Notenbank eine mögliche Deflation im Euroraum bekämpfen. Verbraucherschützer kritisieren, dass es Sparern dadurch erschwert würde, einem Wertverlust ihres Kapitals durch die Inflation entgegenzuwirken. Doch wie hängen die Geldpolitik der EZB und die Zinsen für Verbraucher genau zusammen? Diese und weitere Fragen beantwortet Jürgen Bott, Professor für Finanzdienstleistungen an der FH Kaiserslautern, im Gespräch mit CHECK24. | bme

CHECK24: Herr Bott, Anfang Juni dieses Jahres hat die Europäische Zentralbank (EZB) den Leitzins auf 0,15 Prozent* gesenkt. Wie macht sich dies für Geschäftsbanken bemerkbar?

Prof. Dr. Jürgen Kurt Bott: Banken haben drei Hauptquellen der Refinanzierung: Kredite bei der Zentralbank, Kredite am Interbankenmarkt – also Kredite bei anderen Banken – und die Hereinnahme von Geldern von Nicht-Banken im Rahmen des Einlagengeschäftes. Je höher der prozentuale Anteil der Kosten der Refinanzierung bei der Zentralbank an den Gesamtkosten des Kreditgeschäftes ist, desto höher ist der unmittelbare Nutzen der Senkung der Kreditzinssätze der Zentralbanken.

Beispielsweise haben bei Banken, die ihre bei der Zentralbank aufgenommenen Gelder hauptsächlich als Kredite an Staaten weiterleiten, die Refinanzierungskosten über Zentralbankkredite einen deutlichen höheren Anteil an den Gesamtkosten des Kreditgeschäftes als bei Banken, die zum Beispiel im regionalen Geschäft kleine und mittelständische Unternehmen, sogenannte KMU, finanzieren. Bei der Finanzierung von KMU fallen unter anderem hohe Kosten bei der Kreditbearbeitung an.

Zumindest eine längerfristige Niedrigzinspolitik wirkt allerdings negativ auf einige Geschäftsbereiche der Banken. Für operative Serviceleistungen – wie zum Beispiel den Zahlungsverkehr und die Kontoservices – sind höhere Zinsen tendenziell vorteilhaft. Kunden akzeptieren für die als Arbeitsguthaben gehaltenen Einlagen bei Banken grundsätzlich auch in Phasen mit höheren Marktzinsen relativ geringe Verzinsung. Je größer die Zinsdifferenz zwischen den für Arbeitsguthaben gehaltenen Einlagen und Interbankenzinssätzen, desto höher ist tendenziell der dem operativen Geschäft zugeordnete Beitrag am Zinserfolg einer Bank.

Beim Leitzins handelt es sich um den Hauptrefinanzierungssatz der EZB. Daneben gibt es auch den Spitzenrefinanzierungszinssatz und den Einlagenzinssatz. Welche Rollen spielen diese beiden Zinssätze für Geschäftsbanken?

Die Konditionen, zu denen Zentralbanken Geschäfte mit Geschäftsbanken abschließen, haben Auswirkungen auf die Art der Geschäfte und die Preise für die Geschäfte, die Geschäftsbanken ihren Kunden anbieten. Der Einlagenzinssatz und der Spitzenrefinanzierungszinssatz beschreiben die Konditionen für die sogenannten „Ständigen Fazilitäten“ der Zentralbanken. Die Geschäftsbanken können auf eigene Initiative bis zum nachfolgenden Geschäftstag Geld bei der Zentralbank zum Einlagenzinssatz anlegen beziehungsweise Geld bei der Zentralbank zum Spitzenrefinanzierungssatz leihen.

Soweit keine Störungen an den Geldmärkten vorliegen, bildet der Spitzenrefinanzierungssatz die Höchstgrenze für Kredite unter Banken. Soweit Geschäftsbanken noch über ausreichende Sicherheiten verfügen, um von der Zentralbank Kredite zu erhalten, werden sie keine Kredite von anderen Geschäftsbanken oder Nicht-Banken zu höheren Preisen aufnehmen als dem Spitzenrefinanzierungszinssatz. Bei funktionierenden Märkten bildet der Spitzenrefinanzierungszinssatz somit eine Art Obergrenze für die Kreditaufnahme von Banken.

Im Tagesgeld- und Festgeldbereich bewegen sich die Zinsen derzeit auf eher niedrigem Niveau. Wie hängt dies mit dem niedrigen Leitzins zusammen? Welche anderen Faktoren haben Auswirkungen auf die Verzinsung von Sparprodukten?

Einfach formuliert: Wenn Geschäftsbanken davon ausgehen können, dass sie nachhaltig für ihr Kreditgeschäft in hohem Umfang Liquidität mit passenden Laufzeiten und günstigen Konditionen von der Zentralbank bekommen, verliert das Einlagengeschäft als Refinanzierungsquelle an Bedeutung. Die Geschäftsbanken können ihren Kunden dauerhaft maximal die Zinsen zahlen, die sie nach Abzug ihrer Kosten mit Ausleihungen mit vertretbarem Risiko erwirtschaften können. Solange eine Zentralbank ihre Währung im Griff hat, kann sie die Geldmenge und das Zinsniveau steuern. Wir wollen uns nicht wünschen, dass diese Kontrolle über den Euro verloren geht.

Auch die Kreditzinsen sind derzeit vergleichsweise niedrig. Welche Verbindung zur Höhe des Leitzins’ besteht hier? Welche weiteren Aspekte spielen eine Rolle?

Die Konditionen der Refinanzierung der Geschäftsbanken bei der Zentralbank sind wichtig für die Höhe der Kreditzinsen, die Kunden der Geschäftsbanken bezahlen müssen, aber nicht alleine ausschlaggebend. Die Geschäftsbanken müssen mit den am Markt erzielten Kreditzinsen neben den Refinanzierungskosten für die Kreditsumme weitere Kosten abdecken. Neben den Zinssätzen, zu denen sich die Geschäftsbanken Geld bei der Zentralbank beschaffen können, sind die Eigenkapitalkosten, die Kosten für den operativen Betrieb sowie die Kosten für Vorsorgeleistungen für eventuelle Kreditausfälle weitere wichtige Faktoren zur Bestimmung der Preisuntergrenze für Kredite, die Geschäftsbanken ihren Kunden gewähren.

Verschärfte Eigenkapitalvorschriften sind zur Zeit die zentrale „Wachstumsbremse“ im Kreditgeschäft. Wollen Banken ihr Kreditgeschäft ausweiten, müssen sie sich zusätzliches Eigenkapital besorgen. Die Eigenkapitalgeber erwarten für die Bereitstellung des Eigenkapitals, das für die Risiken der Bank haftet, eine angemessene Rendite. Die Renditeerwartungen für die Bereitstellung von Eigenkapital für das risikoreiche Bankgeschäft sind hoch; deutlich höher als die Marktzinssätze.

Im Herbst dieses Jahres werden im Rahmen eines Stresstests die Bilanzen von 124 Banken in der Eurozone überprüft. Ein wichtiger Faktor ist dabei die Kernkapitalquote einer Bank. Wie errechnet sich diese Quote?

Sehr vereinfacht formuliert, lässt sich die Quote in drei Schritten ermitteln. Erstens wird aus den verschiedenen Einzelrisiken einer Bank das Gesamtrisiko ermittelt. Zweitens wird aus verschiedenen Bilanzpositionen, die im Krisenfall primär zur Haftung der Bank herangezogen werden können, das sogenannte Kernkapital berechnet. Drittens wird das im ersten Schritt quantifizierte Risiko in Relation zu dem im zweiten Schritt berechneten Kernkapital gesetzt.

Das klingt einfach, aber bei genauerer Betrachtung werden diese Berechnungen schnell kompliziert. Spannend ist zum Beispiel die Frage, welches Risiko mit verschiedenen Bankgeschäften nach Ansicht der Regulatoren verbunden ist. Noch hitziger wird zur Zeit die Frage diskutiert, was als Kernkapital angesehen werden darf. Hier lautet meine Warnung: Weiterer Komplexitätsaufbau trägt nicht zur Risikominderung bei. Das Gegenteil ist der Fall.

* Leitzinsen Stand Juni 2014

Hinweis: Trotz gewissenhafter Recherche kann die Richtigkeit und Aktualität der Angaben nicht garantiert werden.