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Niedrige Zinsen Die Mär von der schleichenden Enteignung

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Niedrige Zinsen führen nicht automatisch zu einem Wertverlust. Mit Tagesgeld lässt sich noch eine reale Rendite erzielen – was in den letzten fünf Jahrzehnten für deutsche Sparer keine Selbstverständlichkeit war.
Sparerindex Dezember

Im November verhaart der Sparerindex weiterhin auf dem tiefsten Stand seit Februar 2014

Wegen der Niedrigzinsen schmilzt das Ersparte wie Eis in der Sonne – unter Sparern ist diese Meinung weitverbreitet. Der bayerische Finanzminister Markus Söder übte schon im Frühjahr gegenüber der Bild am Sonntag Kritik an der Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank: „Die deutschen Sparer werden schleichend enteignet.“ Der weitverbreitete Glaube, dass bei niedrigen Zinsen die Ersparnisse von der Inflation gefressen werden, ist allerdings nur teilweise richtig.

Auf den Realzins kommt es an

Wer sein Erspartes anlegt, bekommt dafür Zinsen, den sogenannten Nominalzins. Dieser sagt aber nicht direkt etwas darüber aus, ob die Rücklagen wachsen oder schmelzen. Entscheidend dafür ist der Realzins. Der Realzins bezeichnet näherungsweise die Differenz von Nominalzins und Inflationsrate. Wer beispielsweise auf seine Geldanlage einen Zinssatz von 0,40 Prozent erhält, hat abzüglich der aktuellen Inflation von 0,80 Prozent einen realen Zinssatz von -0,40 Prozent. Die Ersparnisse verlieren somit an Wert, da die Inflation nicht vom Zins ausgeglichen wird. Wer dagegen auf sein Erspartes einen Zinssatz von 1,00 Prozent erhält, für den ergibt sich nach Abzug der Inflation ein Realzins von 0,20 Prozent. Hier bleibt der Wert des Vermögens nicht nur erhalten, es verzeichnet auch einen geringfügigen Wertzuwachs.

Kurzgefasst: Der Realzins ist ausschlaggebend dafür, ob die Ersparnisse an Wert verlieren oder ihren Wert steigern. Ist der Realzins negativ, verliert das Vermögen an Wert, liegt er bei null, bleibt der Wert des Vermögens erhalten. Ist der Realzins dagegen positiv, kann sich der Sparer über einen Wertzuwachs freuen.

Früher war mehr weniger

Viele Sparer sehnen sich nach Zeiten zurück, in denen es deutlich höhere Zinsen auf das angelegte Geld gab. Doch diese Wehmut ist unbegründet. Denn dass hohe Zinsen in der Vergangenheit zu einem Wertzuwachs geführt haben, ist teilweise eine Illusion: Zwar waren früher die Zinssätze oft höher, aber die Inflation war es auch. Häufig lag die Inflationsrate über den Nominalzinsen, wodurch der Realzins negativ wurde. Eine Untersuchung der Bundesbank hat ergeben, dass zwischen 1967 und 2014 der Realzins die meiste Zeit negativ war. Ihr zufolge „lag die mittlere reale Verzinsung über den gesamten Zeitraum sowohl bei Spareinlagen als auch bei jederzeit verfügbaren Einlagen im negativen Bereich.“ Das bedeutet, dass die Sparer trotz höherer Zinsen als heute mit einer Geldentwertung konfrontiert waren. Im Jahr 1975 betrug die durchschnittliche Inflation in Deutschland beispielsweise 5,91 Prozent. Wer damals sein Erspartes für 4,00 Prozent Zinsen angelegt hat, dem bot sich ein Realzins von -1,91 Prozent. Ein Guthaben von 5.000 Euro, angelegt für ein Jahr, hätte damals am Ende der Laufzeit nominal 200 Euro an Zinsen eingenommen. Insgesamt hätten sich die Ersparnisse also auf 5.200 Euro belaufen, aber diese hätten nur noch einer Kaufkraft von 4.904,50 Euro zu Beginn des Anlagezeitraums  entsprochen. Sie hätten somit an Wert verloren.

Heute sieht das anders aus. Wer 5.000 Euro zu einem aktuell möglichen Zinssatz von 1,00 Prozent für ein Jahr anlegt, hat nach Abzug der Inflation von 0,80 Prozent einen Realzins von 0,20 Prozent. Das bedeutet einen nominalen Zinsertrag von 50 Euro, insgesamt würde sich das Guthaben nach einem Jahr also auf 5.050 Euro belaufen und einer Kaufkraft von 5.010 Euro entsprechen. Der Sparer könnte somit einen Wertzuwachs erzielen. Dieser fällt mit zehn Euro nicht gerade üppig aus, aber die Ersparnisse verlieren nicht an Wert.

Keine Geldentwertung bei positivem Realzins

Augenscheinlich hatten Sparer Mitte der 70er Jahre höhere Zinserträge erwirtschaftet. Wegen der seinerzeit hohen Inflation aber war tatsächlich das Gegenteil der Fall: Sie mussten mit einem Wertverlust leben. Demgegenüber werden Sparer, die ihr Geld auf einem für aktuelle Verhältnisse gut verzinsten Tagesgeldkonto anlegen, entgegen der weitläufigen Meinung nicht „enteignet“.

Zinseszins adé

Hans Werner Sinn, der ehemalige Leiter des Ifo-Instituts, sieht eine Enteignung der Sparer durch das aktuelle Zinsniveau vielmehr in der Zukunft. Gegenüber Bild.de erklärte er: „Wer früher über 30 Jahre hinweg bei normalen Zinsen und Zinseszinsen eine Rente angespart hat, der hatte zum Schluss zwei Drittel seiner Rente aus Zinsen und Zinseszinsen und ein Drittel war die eigentliche Ersparnis.“ Seine Argumentation lässt sich mit einem fiktiven Rechenbeispiel nachvollziehen: Ein Sparer, der 100.000 Euro für dreißig Jahre zu einem Zinssatz von 4,00 Prozent angelegt hat, erhält am Ende dank Zinseszins rund 324.339 Euro. Ohne Zinseszins hätte er am Laufzeitende dagegen nur 220.000 Euro bekommen.

Zinseszins bedeutet, dass der Zinsgewinn zur angelegten Summe hinzugefügt und künftig mitverzinst wird. Dadurch wächst der angelegte Geldbetrag nominal deutlich schneller, als wenn ein Sparer seine Zinsgewinne beispielsweise ausgibt oder auf sein nichtverzinstes Girokonto auszahlen lässt.

Allerdings: Auch wenn höhere nominale Zinsen, die Sparer in der Vergangenheit erhielten, den Zinseszinseffekt verstärkten, konnte eine Geldanlage dennoch an Wert verlieren. Da zwischen 1967 und 2014 der Realzins die meiste Zeit negativ war, wurde auch ein durch Zinseszins vermehrtes Vermögen nicht von der Inflation verschont.

Heutzutage können Verbraucher dank der niedrigen Inflation ihr Geld zu einem positiven Realzins anlegen. Allerdings ist bei einem geringen Realzins der Zinseszins auch sehr gering. Legt ein Sparer denselben Betrag aus dem obigen Beispiel über 30 Jahre zu den niedrigen Zinssätzen von heute an, beispielsweise zu 1,00 Prozent, erhält er am Ende mit Zinseszinsen einen Betrag von rund 134.785 Euro, ohne Zinseszins dagegen nur 130.000 Euro. Der Zinseszinseffekt fällt nominal betrachtet deutlich geringer aus, ist allerdings nicht zu vernachlässigen – sofern der Sparer eine Anlageform wählt, deren Verzinsung ihm eine reale Rendite bringt.

Deutsche sparen flexibler

Die Verbraucher scheinen langsam auf die niedrigen Zinsen zu reagieren und ändern ihr Anlageverhalten. In einer Umfrage, die das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) der Universität Mannheim für die Direktbank ING-DiBa erstellt hat, gaben 44 Prozent der Befragten an, dass die niedrigen Zinsen ihr Sparverhalten beeinflussen. Von den 1.565 Umfrageteilnehmern die angaben, dass sich die Niedrigzinsen auf ihr Sparverhalten auswirken, sparen 81 Prozent wegen der niedrigen Zinsen weniger, zehn Prozent sparen sogar gar nicht mehr. Langsam scheint sich das Ziel der Europäischen Zentralbank zu erfüllen, die durch ihre Nullzinspolitik unter anderem das Wirtschaftswachstum ankurbeln möchte. Niedrige Einlage- und Kreditzinsen sollen die Verbraucher dazu anhalten, mehr zu konsumieren und weniger zu sparen.

Noch spiegelt sich das veränderte Sparverhalten aber nicht in den Statistiken der Bundesbank wider. Nach Angaben der Notenbank ist das Geldvermögen der privaten Haushalte in Deutschland im zweiten Quartal 2016 auf 5,4 Billionen Euro gestiegen. Ein Jahr zuvor lag es noch bei 5,23 Billionen Euro. Im Jahr 2015 betrug die Sparquote in Deutschland 9,7 Prozent. Zwei Jahre zuvor lag diese noch bei 9,1 Prozent. Die Deutschen haben also mehr statt weniger gespart. Wie sich jedoch eine langanhaltende Niedrigzinsphase auf das Sparverhalten eines Volkes auswirken kann, zeigt der Blick nach Japan eindrucksvoll. Von 1995 an kam der Leitzins der japanischen Zentralbank nie über 0,50 Prozent hinaus. Seit 2008 liegt er bei 0,10 Prozent. Demgegenüber fiel die Sparquote in Japan von 11,2 Prozent im Jahr 1995 auf -0,80 Prozent im Jahr 2014.Das bedeutet nicht nur, dass die Japaner angefangen haben, ihre Ersparnisse aufzubrauchen, sondern sich wegen der langfristigen Niedrigzinsphase auch das Sparen abgewöhnt haben. Davon sind die Deutschen noch weit entfernt, nicht zuletzt, weil sich immer noch positive Realzinsen finden lassen.

Dank Neukundenbonus reale Renditen erwirtschaften

Viele Sparer sind aufgrund der niedrigen Zinsen verunsichert. Gemäß einer Studie des Marktforschungsinstituts Forsa, die von der Targobank in Auftrag gegeben wurde, wissen mehr als drei Viertel aller Anleger nicht, wie und wo sie ihr Geld noch sinnvoll anlegen sollen. Gegenüber dem Handelsblatt sagte Alfredo Garces von der Targobank: „Die Niedrigzinsen machen viele Anleger völlig ratlos.“ Dabei lassen sich auch trotz Niedrigzinsen noch Geldanlagen finden, deren Zinsen über der Inflationsrate liegen – zum Beispiel beim Tagesgeld. In Deutschland lag die Inflationsrate im November bei 0,8 Prozent und verharrte somit auf dem Zwei-Jahres-Hoch vom Vormonat. Damit müssen Sparer ihr Geld mindestens zu einem Zinssatz von 0,8 Prozent eff. p.a. anlegen, um einem Wertverlust vorzubeugen. Dank attraktiver Angebote für Neukunden ist es bei einigen Banken noch möglich, eine reale Rendite zu erwirtschaften. So bieten beispielsweise die Audi und die VW Bank neuen Kunden einen Zinssatz von 1,10 Prozent eff. p.a. garantiert für vier Monate und für Beträge bis 100.000 Euro. Sparer, die sich diesen Neukundenbonus sichern, erhalten damit einen Realzins von 0,30 Prozent für volle vier Monate, wie der Sparerindex von CHECK24 zeigt. Auch die Consorsbank bietet Neukunden einen speziellen Zinssatz in Höhe von 1,00 Prozent eff. p.a. mit einer Zinsgarantie von sechs Monaten. Wer dort zusätzlich noch ein Wertpapierdepot eröffnet und damit verbundene Bedingungen erfüllt, kann die Zinsgarantie noch für weitere sechs Monate verlängern. Auch hier ist ein Realzins von 0,20 Prozent möglich. Zwar lassen sich mit Realzinsen von 0,30 oder 0,20 Prozent keine großen Wertzuwächse erzielen, jedoch liegen diese immer noch über der mittleren realen Verzinsung der letzten fünf Jahrzehnte in Deutschland.

Dauerhaft eine positive Rendite erzielen

Die attraktiven Tagesgeld-Zinsen der Neukundenangebote gelten nur für einen begrenzten Zeitraum. Wer langfristig eine positive Rendite erwirtschaften möchte, kommt nicht umhin, nach Ablauf der Frist zu einem Neukundenangebot einer anderen Bank zu wechseln – und auch dort nach dem Ende der Zinsgarantie nach Alternativen Ausschau zu halten. Mit dieser als Tagesgeld-Hopping bekannten Anlagestrategie können Verbraucher viel Geld sparen. Hier hilft nur ständiges Vergleichen. Dessen scheinen sich auch die deutschen Sparer bewusst zu sein. In der Studie des ZEW gaben 46 Prozent der Befragten an, bei einer Senkung des Nominalzinses von 0,90 Prozent auf 0,40 Prozent für ihr Tagesgeldkonto zu einem anderen Tagesgeldkonto wechseln zu wollen. 
 

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