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Interview zum Kindersicherheitstag: So machen Sie Ihr Zuhause für Ihre Kinder sicher

München, 10.6.2019 | 07:30 | kro

Heute ist Kindersicherheitstag. Bereits seit dem Jahr 2000 macht die Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Mehr Sicherheit für Kinder e.V. mit diesem Aktionstag auf die Unfallgefahren von Kindern aufmerksam. Das diesjährige Motto lautet "Gemeinsam den Haushalt sicher machen". Im Gespräch mit CHECK24 erläutert BAG-Geschäftsführer Andreas Kalbitz, welche Unfallrisiken es im Haushalt für Kinder gibt und wie man diese minimieren kann.

Foto von Andreas KalbitzBAG-Geschäftsführer Andreas Kalbitz
CHECK24: Was sind für Kinder im Haushalt die größten Unfallrisiken?

Andreas Kalbitz: Im Haushalt ist das größte Unfallrisiko ein Sturz – beispielsweise der Sturz vom Wickeltisch, der leider häufig vorkommt.

Im Sommer kommt es auch zu Stürzen von Balkonen oder aus Fenstern. Das sind leider oft Unfälle mit gravierenden Folgen.

Aber auch Stürze auf der Ebene kommen häufig vor – also bei den ersten Laufversuchen oder wenn es mal schnell geht und in der Wohnung gerannt wird.

Zu den häufigsten Unfallrisiken für Kinder im Haushalt zählen auch Quetschungen, Schnittwunden, Verbrühungen und Verbrennungen oder auch das Verschlucken von kleinen Gegenständen.
 
CHECK24: Warum sind vor allem Kleinkinder besonders unfallgefährdet?

Andreas Kalbitz: Das hat mit der kindlichen Entwicklung zu tun. Kinder sind natürlich neugierig und testen alles aus – von der oralen Phase, in der Dinge in den Mund genommen und ertastet werden, bis hin zu den ersten Gehversuchen.

Selbstverständlich gehen damit Unfallrisiken einher, welche die Kinder selbst noch nicht einschätzen können. Dies können sie erst mit zunehmendem Alter und Entwicklungsstand.

Hierbei befinden sich auch die Eltern oftmals in einer neuen Situation und müssen aufmerksam und sensibel für Unfallrisiken sein, diese manchmal auch selbst erst kennenlernen und verinnerlichen.
 
CHECK24: Wie kann man das eigene Zuhause möglichst unfallsicher gestalten?

Andreas Kalbitz: Ein zentrales Ziel ist die Minimierung der wirklich gravierenden Risiken, die zu schwerwiegenden Folgen führen können. Es geht nicht darum, die Kinder in Watte zu packen und alles aus dem Weg zu räumen. Denn es ist wichtig, dass sie den Umgang mit Unfallrisiken erlernen.            

Es gibt auf der einen Seite sinnvolle Sicherheitsprodukte, mit deren Hilfe Unfallrisiken verringert werden können – zum Beispiel den Steckdosenschutz, das Treppenschutzgitter oder den Herdschutz, um nur einige zu nennen.

Besonders wichtig ist mir aber, dass die Eltern sensibel für die Unfallrisiken sind, die zu Hause lauern. Eine Empfehlung, die wir immer geben, ist ein Perspektivenwechsel: Versetzen Sie sich in die Lage Ihres Kindes und in dessen Größe und Ihnen werden viele Unfallrisiken im Haushalt auffallen, die Sie dann schon beheben können. Zum Beispiel sehen Sie auf einem Küchenbeistelltisch eine Tischdecke, auf der ein Wasserkocher steht. Kinder ziehen gerne an Tischdecken, hier besteht ein hohes Unfallrisiko.

Wenn die Kinder älter werden, sollten sie zudem auch Unfallkompetenz erlernen. Es ist wichtig, Kinder altersgerecht auf Unfallrisiken hinzuweisen, sodass sie eine Routine im Umgang mit Gegenständen und Produkten, die gefährlich sein können, entwickeln.

Genauso ist auch die motorische Förderung der Kinder wichtig. Ganz einfach gesagt: Ein Kind, das rückwärtslaufen kann, fällt nicht so leicht die Treppe herunter.
 
CHECK24: Worauf sollte man beim Möbelkauf und bei der Einrichtung des Kinderzimmers achten?


Andreas Kalbitz: Wir empfehlen, sich im Fachgeschäft grundlegend beraten zu lassen. Informieren Sie sich über Gütesiegel und Normen oder aktuelle Testergebnisse und beziehen Sie diese in Ihre Kaufentscheidung mit ein.

Betrachten Sie die Möbel, die Sie kaufen möchten, genau. Scharfe Ecken oder Kanten oder ein künstlicher Geruch, der möglicherweise auf eine Schadstoffbelastung hinweisen kann, sollten dazu führen, vom Kauf abzulassen.

Wenn man die Möbel aufbaut, ist es wichtig, dass sie stabil stehen, kippsicher sind und notfalls an der Wand angebracht und fest verankert werden, sodass sie den Kindern nicht entgegenkommen können, wenn sie daran rütteln oder ziehen.

Insgesamt ist bei der Einrichtung manchmal weniger mehr. Man muss das Kinderzimmer nicht vollstellen. Freie Räume dienen der Entfaltung und verringern das Risiko.
 
CHECK24: Was ist bei der Anschaffung von Spielzeug zu beachten?

Andreas Kalbitz: Bei Spielzeug gibt es ebenfalls Gütesiegel und Normen. Auch hier gilt: Schauen Sie sich das Spielzeug genau an. Rütteln Sie daran. Wie ist die Verarbeitung? Geht da vielleicht irgendein Splitter ab? Haben Sie ein schlechtes Gefühl?

Ansonsten sollte Spielzeug gekauft werden, das für das Alter des Kindes geeignet ist. Bei Spielzeug, das für Kinder unter drei Jahren nicht geeignet ist, besteht zum Beispiel das Risiko verschluckbarer Kleinteile.
 
CHECK24: Welche Siegel und Normen würden Sie bei Spielzeug und Möbeln empfehlen?            

Andreas Kalbitz: Das GS-Zeichen ist ein freiwilliges Sicherheitszeichen und gewährleistet, dass die technischen Anforderungen an die Sicherheit eines Produktes erfüllt sind und durch ein unabhängiges Prüfunternehmen, wie zum Beispiel dem TÜV, kontrolliert wurden.

Das DIN-Geprüft-Zeichen demonstriert die Übereinstimmung eines Produktes mit den DIN-Normen.

Weitere Hinweise, wie zum Beispiel ein durchgestrichenes "0-3", geben an, dass dieses Produkt nicht für Kinder unter drei Jahren geeignet ist.
 
CHECK24: Worauf ist bei Fenstern, dem Balkon und Garten in puncto Sicherheit zu achten?

Andreas Kalbitz: Kinder sollte man nie unbeaufsichtigt in Räumen lassen, wenn Fenster oder Balkontüren offen sind. Zudem sollten keine Steighilfen – wie zum Beispiel ein Beistelltisch oder ein Stuhl – vor Fenstern stehen, auf die Kinder steigen könnten, um an die Fenster zu kommen und dann herauszufallen. Sichern Sie Fenster und Balkontüren mit Kindersicherungen.  

Im Garten sind Kleinteile ein Thema, zum Beispiel Eicheln. Achten Sie darauf, dass Kinder sich nicht an ihnen verschlucken können.

Es gibt im Garten zuweilen auch die eine oder andere giftige Pflanze. Informieren Sie sich und entfernen Sie gesundheitsgefährdende Pflanzen und Blumen.

Ein weiteres Unfallrisiko sind Unfälle rund um Gewässer. Ob ein Teich im Garten, ein kleines Schwimmbecken oder die Regentonne: Lassen Sie Kinder nie unbeaufsichtigt, sodass sie nicht hineinfallen können. Sichern Sie die Wasserstellen so, dass Kinder keinen Zugang haben, indem Sie beispielsweise einen Teich umzäunen oder die Regentonne fest verschließen.   
 
CHECK24: Was kann man tun, wenn ein Kind trotz aller Umsicht einen Unfall hat?

Andreas Kalbitz: Erstmal ist es immer gut – und das ist gar nicht so einfach – Ruhe zu bewahren und das Kind zu beruhigen. Die Situation und die Lage prüfen: Was ist denn jetzt hier eigentlich passiert? Wie gravierend ist es? Und dann die Entscheidung zu treffen, welche weiteren Schritte notwendig sind: Reicht ein Pflaster, eigene Erste Hilfe oder ist ein Notarzt anzurufen?

Zur Ersten Hilfe empfehle ich Eltern, sich zu informieren und kundig zu machen. Es gibt Erste-Hilfe-Kurse oder Erste-Hilfe-Broschüren. Die BAG bietet zum Beispiel eine kostenfreie Broschüre an, in der genau erklärt wird, wie bei verschiedenen Unfallhergängen vorzugehen ist.
 
CHECK24: Gibt es irgendwelche Hilfsmittel, die man für den Ernstfall immer zu Hause haben sollte?

Andreas Kalbitz: Wir empfehlen einen Organisationsplan. Nehmen wir ein Beispiel: Sie haben zwei Kinder. Dem einen Kind passiert etwas und es muss ins Krankenhaus. Was passiert dann mit dem zweiten Kind? Gibt es vielleicht Oma und Opa, die fußläufig entfernt wohnen? Können die das Kind abholen?

Ihre Aufmerksamkeit, wenn sich ein Kind verletzt, wird sehr stark auf das verletzte Kind konzentriert sein. Das Geschwisterkind muss aber auch versorgt werden. Ein solches Szenario sollte vorher durchdacht und geklärt sein.
Wir empfehlen, die wichtigsten Telefonnummern immer griffbereit zu haben. Das können die Telefonnummern der Großeltern, eines Giftinformationszentrums – das kontaktiert werden kann, wenn ein Verdacht auf eine Vergiftung besteht – oder die Nummer des Kinderarztes sein.  

Neben dem Organisationsplan sollten Sie einen gut ausgestatteten Erste-Hilfe-Kasten immer im Haus haben.

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